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Bahai
Als Bahai (auch Bahai-Religion, Bahaitum oder Bahaismus) bezeichnet sich eine aus dem Babismus hervorgegangene Religion mit weltweiter Verbreitung. Das Wort „Baha'i“ bezieht sich auf den Religionsstifter Baha'u'llah (arab. „Herrlichkeit Gottes“, mit bürgerlichem Namen: Mirza Husayn Ali Nuri) und bezeichnet dessen Anhänger. 2002 lebten laut Encyclopædia Britannica 7,4 Millionen Bahai in fast allen Ländern der Erde. Der Bahai-Glaube ist nach diesen Angaben in mehr Ländern verbreitet als der Islam, was jedoch eher an der Fähigkeit der Bahai liegt, auch kleine Zahlen von Gläubigen zu organisieren und offiziell zu machen. Bahai-eigene Statistiken zählen nur offiziell registrierte Mitglieder und kommen so – je nach Schätzung – auf rund fünf bis sechseinhalb Millionen weltweit, andere Enzyklopädien geben auch weniger an. Nach Angaben des Bahá'í Office of Public Information aus dem Jahr 2004 stammen die Bahai aus mehr als 2100 ethnischen Gruppen und leben – vom Ursprungsland Iran abgesehen – vor allem in Indien, Schwarzafrika und Südamerika. Die größte Bahai-Gemeinde der westlichen Industriestaaten ist jene der USA, in Europa lebt nur eine fünfstellige Zahl. In Bezug auf die Bevölkerungszahl sind die Bahai-Gemeinden meist sehr klein, fast überall liegen sie unter einem Promille. In einigen Inselstaaten wie Kiribati und in Bolivien erreichen sie mehrere Prozent.
In Deutschland leben seit 1905 Bahai. Momentan sind es rund 5000 in ca. 900 Orten Deutschlands. Ihr Gemeindezentrum mit dem ersten „Europäischen Haus der Andacht“ befindet sich in Hofheim am Taunus. Dort werden im Bahai-Verlag deutsche Übersetzungen der Bahai-Schriften herausgegeben. Insgesamt wurden sie in mehr als 800 Sprachen übersetzt. Durch eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (sog. Bahai-Beschluss) erlangte die Gemeinschaft in der deutschen Rechtswissenschaft einige Bekanntheit. In Österreich leben momentan etwa 1100, in der Schweiz 1000 Bahai.
Lehre
Die Bahai besitzen in den zahlreichen Originalschriften ihres Religionsstifters Baha'u'llah eine eigene zentrale Offenbarungsquelle. Neben dem Heiligsten Buch (Kitab-i-Aqdas) und dem Buch der Gewissheit sind die mystischen Schriften (wie Die Sieben Täler und die Verborgenen Worte) für die Gläubigen von großer Bedeutung.
Das menschliche Leben wird in den Schriften Baha'u'llahs als ein mystischer Weg der Seele beschrieben, der mit der Zeugung im Mutterleib beginnt, jedoch mit dem körperlichen Tod noch lange nicht beendet ist. Der Mensch ist mit einem freien Willen ausgestattet, trägt die Verantwortung für sein Tun und hat die Konsequenzen selbst zu tragen. Er ist fähig zum Guten wie zum Bösen und bedarf der Erziehung, um die in ihm angelegten „Gaben und Fähigkeiten“ zu entwickeln.
Baha'u'llahs Gebote sollen die Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft bilden und dazu führen, dass „dem Körper dieser Welt eine lebendige Seele geschenkt wird und dieses zarte Kind, die Menschheit, zur Stufe der Reife gelangt“.
Schöpferischer Antrieb und Ursache allen Seins ist die göttliche Liebe. Als „erstes Gebot der Religion“ bezeichnete Abdu'l Baha, der Sohn des Religionsstifters, die Nächstenliebe. Religion, die zu Zwietracht führt, verfehle ihren Zweck. In diesem Fall sei es besser ohne sie zu leben.
Eine der zentralen prophetischen Aussagen Baha'u'llahs lautet: „Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.“Der zentrale Gedanke der Einheit manifestiert sich auf drei Ebenen: in der Einheit Gottes, in der mystischen Einheit der Religionen und in der Einheit der Menschheit. Theologischer Angelpunkt der Bahai-Lehre ist das neue heilsgeschichtliche Paradigma der „fortschreitenden Gottesoffenbarung“: Gott offenbart sich der Menschheit nicht einmalig, sondern progressiv, zyklisch wiederkehrend. Da die Menschheit sich ständig fortentwickelt und sich demnach zwangsläufig die Umstände und die Fassungskraft der Menschen ändern, muss die Religion eine Erneuerung erfahren, um der Situation entsprechend göttliche Führung leisten zu können. Dies geschieht, indem Gott der Menschheit in bestimmten Zeiträumen göttliche Erzieher schickt. Folglich sind die großen Religionen (wie Judentum, Christentum, Islam u. a.) nicht bloße Wahrheitsteilhaben, sondern göttliche Stiftungen. Ihre heiligen Bücher sind Zeugnisse der Wahrheit und stammen aus derselben Quelle. Dem Glauben der Bahai nach ist Baha'u'llah der jüngste dieser göttlichen Erzieher, aber nicht der letzte. Baha'u'llah stellt für die Gläubigen die Wiederkunft Christi dar, sowie den erwarteten Messias der Juden. Die Bahai glauben, dass mit Baha'u'llah alle ersehnten Propheten ihr Wiederkommen wahrgemacht haben. Diese Wiederkehr ist jedoch keine körperliche, vielmehr verstehen die Bahai unter Wiederkehr das erneute Erscheinen der gleichen göttlichen Eigenschaften dieser Erzieher.
Ethische Grundsätze
Im Jahr 1912 stellte Abdu'l Baha in seinen Ansprachen in Paris (siehe Literatur) zwölf ethische Grundsätze aus den Lehren Baha'u'llahs besonders heraus. Diese zentralen Lehrsätze der Bahai dominierten bis in die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts die Rezeption der Religion im Westen, die vor allem als humanitäre Friedensbewegung wahrgenommen wurde. Die spirituellen und philosophischen Lehren Baha'u'llahs, wie zum Beispiel über das Wesen der menschlichen Seele oder das Leben nach dem Tod, erfuhren erst in den letzten Jahren ein größeres Interesse. Die so genannten zwölf ethischen Grundsätze sind keine im Wortlaut festgeschriebenen Gebote und wurden von Abdu'l Baha zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich formuliert. Folgende sinngemäße Aufzählung gibt die am häufigsten zitierte Einteilung mit einigen kurzen Erläuterungen wieder:
Die ganze Menschheit ist als Einheit zu betrachten. Einheit und Vielfalt stellt für die Bahai dabei keinen Widerspruch dar. Kulturelle Vielfalt wird begrüßt und gefördert, die Menschheit zugleich als Einheit betrachtet, da alle Menschen (und Religionen) durch das Wirken derselben Gottheit erschaffen wurden. Alle Menschen müssen die Wahrheit selbständig erforschen. Der Glaube eines Menschen hängt nur von ihm selbst ab. Es gibt daher keinen Klerus, der den Glauben vermittelt. Die Heiligen Schriften sollen von allen Gläubigen selbst gelesen und interpretiert werden. Das Menschenbild erzieht zu Mündigkeit und Selbstbestimmtheit. In den Gemeinden in Südamerika, Afrika und Indien wurden zahlreiche Alphabetisierungsprogramme insbesondere für junge Frauen gestartet. Alle Religionen haben eine gemeinsame Grundlage. Die Bahai lehren, dass sich derselbe Gott in allen Religionen offenbart. Jede Religion habe zeitbezogene und ewige Aspekte. Während sich soziale Gebote unterschieden, weil sie Zeit und Kulturkreis angepasst seien, sei der mystische Kern der Religionen immer derselbe, auch wenn er in unterschiedliche Worte gefasst werde. Die Religion muss die Ursache der Einigkeit und Eintracht unter den Menschen sein. Religion, die zu Zwietracht oder gar Gewalt führe, gilt als Missbrauch der Religion. Wenn Religion zu Zwist und Uneinigkeit führe, so Abdu'l Baha, sei es besser, auf sie zu verzichten. Die Religion muss mit Wissenschaft und Vernunft übereinstimmen. Nach dem Glauben der Bahai erklärt die Religion Zusammenhänge, die jenseits des wissenschaftlich Erfahrbaren liegen. Wissenschaften und Religionen sollten sich daher ergänzen und nicht widersprechen. Religion ohne Wissenschaft führe zu Aberglauben. Wissenschaft ohne Religion zu Materialismus. Beides wird abgelehnt. Mann und Frau haben gleiche Rechte. Die Bahai sehen die Menschheit mit der Offenbarung Baha'u'llahs in ein neues Zeitalter eintreten, in welchem „Gewalt ihr Gewicht verliert“ und „die männlichen und weiblichen Elemente der Kultur besser ausgeglichen sein werden“. Das „neue Zeitalter“ werde weniger männlich und mehr von „weiblichen Leitbildern“ – wie zum Beispiel Intuition und Fürsorge – durchdrungen sein. Innerhalb der Gemeindeordnung hatten Frauen von Anfang an aktives und passives Wahlrecht. Heute bestehen die Institutionen in Deutschland ca. zur Hälfte aus Frauen. Das Berateramt wird in Deutschland von zwei Frauen geleitet: Saba Khabirpour und Uta von Both. Auf Unverständnis stößt in diesem Zusammenhang immer wieder, dass das international gewählte Haus der Gerechtigkeit nur aus männlichen Mitgliedern besteht. Vorurteile jeglicher Art müssen abgelegt werden. Damit sind sowohl rassistische wie auch religiöse Vorurteile gemeint. So gibt es bei den Bahai zum Beispiel keinen Erlösungsglauben, der die Menschen in „Gläubige“ und „Ungläubige“ einteilt. Der Weltfriede muss verwirklicht werden. Weltfriede ist für die Bahai keine rein eschatologische Erwartung, sondern bedarf des menschlichen Bemühens. Weltfriede impliziert Religionsfriede und die Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Menschen, gleich welcher Rasse oder Klasse. Abrüstung und die Etablierung eines Völkerbundes sind die ersten Schritte auf diesem Weg. Beide Geschlechter müssen die beste geistige und sittliche Bildung und Erziehung erfahren. Damit ist nicht nur die Erziehung in der Familie gemeint, sondern die allgemeine Schulpflicht. Reichen die Mittel nicht für alle Kinder aus, werden Mädchen als „erste Erzieher der nächsten Generation“ bevorzugt. Die soziale Frage muss gelöst werden. Abdu'l Baha bezog sich mit dieser Aussage 1912 auf die sozialpolitischen Probleme des Industriezeitalters und die damit verbundenen gesellschaftlichen Spannungen. Die Bahai engagieren sich in wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Hinsicht für Ausgleich und Gerechtigkeit im Globalisierungsprozess. Organisationen wie das European Bahá'í Business Forum befassen sich damit inhaltlich. Es muss eine Welthilfssprache und eine Einheitsschrift eingeführt werden. Schon Baha'u'llah betonte die Notwendigkeit einer Sprache, die die Völker der Erde gemeinsam wählen sollten, um sich damit weltweit verständigen zu können. Diese soll neben der Muttersprache erlernt werden. Faktisch ist dies innerhalb der Bahai-Gemeinde inzwischen Englisch, was nicht nur im Bahai-Weltzentrum genutzt wird, sondern auch als Konferenzsprache bei internationalen Tagungen. Es muss ein Weltschiedsgerichtshof eingesetzt werden. Trotz der zahlreichen Friedensprophezeiungen Baha'u'llahs gehen die Bahai nicht davon aus, dass sich alle lokalen und globalen Konflikte künftig von allein lösen werden. Zur Klärung solcher Konflikte bedarf es nach Auffassung der Bahai nicht nur eines internationalen Gerichtshofes, sondern darüber hinaus einer international akzeptierten Polizei, die bei Bedarf berechtigt ist, auch in gewaltsame Konflikte friedensbewahrend einzuschreiten. In den Heiligen Schriften Baha'u'llahs heißt es: „...Die Zeit muss kommen, da die gebieterische Notwendigkeit für die Abhaltung einer ausgedehnten, allumfassenden Versammlung der Menschen weltweit erkannt wird. Die Herrscher und Könige der Erde müssen ihr unbedingt beiwohnen, an ihren Beratungen teilnehmen und solche Mittel und Wege erörtern, die den Grund zum Größten Weltfrieden unter den Menschen legen...“
Die Baha'i nehmen gegenüber Andersdenkenden und Ehemaligen einen toleranten Standpunkt ein Ihr Glaube kennt keine Bekehrung. Der Beitritt muss aus eigener Überzeugung geschehen. Gewaltsame Bekehrung oder Werbung an der Haustür wird abgelehnt. Es wird jedoch von jedem Baha'i erwartet, dass er seinen Glauben bei Bedarf weitergeben kann und „lehrt“, damit der Glaube verbreitet wird. Das „Lehren“ des Glaubens kann auch in Kursen geschult werden.
Bahá'í International Community (BIC)
Seit 1948 ist die Bahá'í International Community bei den Vereinten Nationen als nichtstaatliche Organisation anerkannt. Sie arbeitet am Hauptsitz New York in zahlreichen Gremien der Weltorganisation mit (WHO, UNICEF), sie hat seit 1970 beratenden Status beim Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC).
Außerdem hat die Bahá'í International Community 1992 in New York das „Büro für die Förderung der Frauen“ eingerichtet. Dieses hat die Aufgabe, die Stellung der Frau weltweit zu fördern und zu verbessern.
Unabhängig davon führt die weltweite Bahai-Gemeinde mehr als 1700 soziale und wirtschaftliche Entwicklungsprojekte durch, die insbesondere Bahai-Prinzipien in die Tat umsetzen sollen. 348 Schulen werden auf allen Kontinenten von Bahai geführt.
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